Landratte an Bord

September 2016

Ich bin eingeladen. Zu einem Segeltörn. Das erste Mal. Die ganze Zeit habe ich mich darauf gefreut, bis der Skipper ungefähr eine Woche vorher sagt: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Seit diesem Satz mache ich mir Gedanken, was wohl alles passieren könnte. Gute Ratschläge der Kategorie „Nimm genug verschließbare Tüten mit“ und „vergiß die Gummstiefel nicht“  höre ich reichlich in meinem Umfeld. Egal, ich lasse das mal auf mich zukommen.

Tag X ist da. In Flensburg angekommen, decken wir uns mit Ess- und Trinkbarem für vier Tage ein. Erstaunlich, wie viel Stauraum so ein Boot bietet! Die Schapps, das erste von vielen neuen Wörtern, die ich in diesen Tagen lernen werde, sind so konstruiert, dass auch bei  9 Windstärken alles einigermaßen an seinem Platz bleibt. Der Wetterbericht sagt nur 2-3 Beaufort voraus, so dass ich wohl einem ganz gemütlichen Einstieg als Segelneuling entgegen sehen kann. Noch dazu habe ich das Privileg, einfach nur zuzuschauen, wie die Anderen das Schiff dazu bringen, sich Richtung Dänemark zu bewegen.

Vorher bekomme ich eine Sicherheitseinweisung; wie lege ich die Schwimmweste an, wie klinke ich mich an Deck ein, damit ich nicht aus Versehen über Bord gehe, wie funktioniert der Funk und die Toilettenspülung. Und dann die wichtige Nachricht: das Boot kann aus physikalischen Gründen nicht umkippen. Super, dann ist ja alles in Ordnung!

Das Wetter an diesem Wochenende im September ist so, dass man fast von Sommer sprechen kann. Ich bin zufrieden, aber die Segler wünschen sich mehr Wind. Mit voller Segelfläche und ganz gemächlichen drei Knoten geht es hinaus in die Flensburger Förde, vorbei an einem  roten Pfahl, der sich „Schwiegermutter“ nennt und eine gefürchtete Untiefe kenntlich macht. Rechts,  ich meine natürlich Backbord, liegt die deutsche Küste und Steuerbord die dänische. Immer mehr Wolken ziehen auf, die Sonne verschwindet und macht dem Schönwettersegeln ein Ende. Dann steige ich mal lieber in die wasserfeste Hose und werfe mir die dazugehörige Jacke über. Es regnet und die Fahrt wird ein bisschen rauer. Das Schiff legt sich ein bisschen auf die Seite. Mir ist immer noch nicht übel. Nach einer gefühlten halben Stunde wird es wieder heller, ein Regenbogen breitet sich aus und langsam kommt Sonderborg in Sicht. Der Yachthafen ist leicht zu erkennen. Wir wollen aber lieber in den Stadthafen und hoffen, dass sich dort noch ein Plätzchen findet. Kurz vor der Hafeneinfahrt  werden die Segel eingeholt, um mit Motorhilfe leichter zu manövrieren. Bevor wir „klar zum Anlegen“ sind, fliegen mir noch Worte wie „Vorschot“, „Fender“ und „Winsch“ um die Ohren. Ich merke, dass ich dringend Vokabeln lernen müsste. Nur zwei Plätze weiter liegt richtig großes altes Holzschiff. Die Albatros wurde 1942 gebaut und lässt die Augen der Segler glänzen.

Aus allen möglichen Schapps suchen wir die Zutaten fürs Abendessen zusammen, denn gegessen wird selbstverständlich an Bord. Schon bald duftet es nach Bandnudeln mit Zucchini, Taleggio und Minze. Man braucht nämlich gar keine große Küche, um gut zu kochen. Wenig Improvisationstalent reicht aus, um auf zwei Kochstellen etwas Leckeres zu zaubern. Das Gemeinschaftserlebnis tut ein Übriges. Ich sinke ziemlich schnell in die Koje und freue mich über meinen ersten, so gut verlaufenen Tag auf einem Segelboot.

Dieses leichte Kribbeln, das mich immer befällt, wenn ich das este Mal meinen Fuß außerhalb deutscher Grenzen auf den Boden setze, bleibt auch hier nicht aus. Ja, ich möchte unbedingt in die Stadt gehen und Brötchen besorgen. Zwar habe ich keine einzige dänische Krone in der Tasche, aber ich vertraue darauf, dass es hier  wie in Schweden und Island ganz selbstverständlich ist, auch Kleinstbeträge mit der Kreditkarte zu bezahlen. Und genau so ist es auch.

Nachdem uns der Wetterbericht über Windrichtung und –stärke aufgeklärt hat, fassen wir den kleinen Ort Dyvik als Tagesziel ins Auge. In Richtung Norden lassen uns die Sonderborger allerdings nur alle 30 Minuten raus. Denn nur in diesen Abständen öffnet sich die Hebebrücke, so dass auch Boote, die größer sind als eine Nussschale, passieren können. Am zweiten Tag ist mir alles schon viel vertrauter und ich versuche, möglichst wenig im Weg herumzustehen. Wie schön es ist, das Gesicht in die Sonne zu halten, das Plätschern des Wassers zu hören  und den Wind zu spüren. Zeit ist unwichtig geworden. Vor Einbruch der Dunkelheit im Hafen zu sein, das ist die einzige Vorgabe des Tages. Die meiste Zeit hänge ich meinen Gedanken nach oder denke auch einfach gar nichts. Der Denkapparat ist abgeschaltet, ich lasse mich treiben im besten Sinne des Wortes.

Irgendwann, keine Ahnung wie spät es ist, passieren wir die sehr schmale Einfahrt in Dyvik und erwischen wir einen der wenigen noch freien Liegeplätze. Eine wunderschöne, kleine Bucht, die bei den Seglern sehr beliebt zu sein scheint. Ich fühle mich ein bisschen wie mit siebzehn auf dem Campingplatz, als ich mit dem Kulturbeutel unterm Arm zu den Sanitärräumen stiefele.

Auf der letzten Etappe zurück nach Flensburg sagt der Wetterbericht böige Winde voraus. Bisher ist alles gut verlaufen, mein Mageninhalt ist da geblieben, wo er hingehört und ängstlich war mir auch noch nicht zumute. Wir fahren eine ganze Weile unter Motor, um rechtzeitig zum Übergabetermin in Flensburg zu sein, denn es weht nur ein leichtes Lüftchen von 2-3 Beaufort. Langsam nehmen die Böen zu und die Krängung auch. Mit dem Wind kommen wir schneller voran als mit dem Motor. Jetzt sehe ich, was es bedeutet, wenn der Herd  kardanisch aufgehängt ist: Egal wie sehr das Schiff auf der Seite liegt, der Topf steht immer gerade, also parallel zur Wasserlinie, damit die Suppe nicht rausschwappt. Der Begriff „Waschmaschine“ fällt. Das ist, wenn man unter Deck aus dem Fenster schaut. Nur, dass dabei keine T-Shirts und Socken vorbei kommen.

Aber Thomas hat ja gesagt, das Schiff kann nicht umkippen. Dass es sich genau so verhält, demonstriert er jetzt ein paar Mal. Am Maximalpunkt dreht sich das Boot automatisch aus dem Wind und liegt wieder flach auf dem Wasser. Damit ist die Fahrt gestoppt, aber vorankommen wollen wir ja schon. Also werden die Segel etwas gerefft und schon geht wieder die Post ab, diesmal ohne Stop and Go.

Ich mag nicht recht von Bord gehen. Vier Tage habe ich fast ununterbrochen auf engstem Raum gelebt. Das Einzige, was mir fehlt, ist Bewegung. Ich bin es gewohnt, viel zu gehen, aber Wasser hat nun mal keine Balken. Demnach hätte ich jauchzend auf den Steg springen müssen, andrerseits möchte ich mir noch ein paar Minuten die Schwankung der vergangenen Tage bewahren.

Seit langem habe ich wieder etwas zum ersten Mal gemacht. Und dieses erste Mal hat etwas mit mir gemacht. Noch Tage später fährt mir durch den Kopf: „Hey, ich lebe“. Das Gegenständliche, Reale wird mir bewusster. Ich sollte mich weniger in der virtuellen Welt herumtreiben und neue Körpererfahrungen machen. Bungeespringen wird wohl nicht dazugehören. Aber ich habe schon eine andere Idee…

Vielen Dank Thomas und Bettina für dieses Erlebnis!

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