Einfach mal treiben lassen im Spreewald

Juli 2016

Mein Tipp

Wunderbar draußen essen kann man im Il Fienile in Burg, ein italienisches Restaurant, das nicht nur Pizza bietet. Das Essen ist gut, der Service aufmerksam. Auch das Innere des Restaurants mit seiner Galerie hat mir gut gefalllen.
Ringchaussee 125

Es ist ein Freitag Vormittag im Juli, die Sonne steht hoch am Himmel und das Wochenende vor der Tür. Ich beschließe, dass ich nach einer anstrengenden Woche eine Belohnung verdient habe. In den nächsten Tagen soll, abgesehen von der deutschen Küste, der Sommer stattfinden. Wasser steht auf meinem Wunschzettel aber ganz oben. Bis zum Mittelmeer ist es eindeutig zu weit, aber da haben wir ja noch … den Spreewald. Bisher ein weißer Fleck auf meiner Landkarte und vier Stunden Autofahrt entfernt, passt also perfekt.

In den bekannteren Orten wie Lübbenau und Burg gibt es leider kein freies Bett mehr, aber am Rand von Cottbus ist spontan noch etwas zu machen. Was mich fasziniert – es mag wohl eine Berufskrankheit sein – ist die konsequente Zweisprachigkeit der Sraßenschilder. Hier wird Sorbisch gesprochen. Wenn ich das mal kurz einflechten darf: Sorbisch ist eine slawische Sprache, die mit dem Deutschen so gar nichts zu tun hat. Leider sprechen es nur noch wenige Menschen und auf der Straße habe ich es nirgends gehört. Genau wie Nordfriesisch zählt es zu den ernsthaft bedrohten Sprachen mit weniger als 10.000 Sprechern.

Burg ist ein nettes kleines Städtchen und einer der Orte, in denen man sich ein Paddelboot leihen kann. Wer es noch gemächlicher mag, setzt sich in einen Kahn und lässst sich vom Fährmann  durch die Kanäle staken und Anekdoten erzählen. Er hält auch Getränke an Bord bereit und legt für einen Imbiss irgendwo an. Ich möchte lieber selbst paddeln, vor allem, weil ich es noch nie gemacht habe und Bewegung für mich Entspannung bedeutet.

Nach einer unerfreulichen Diskussion mit der Bootsverleiherin „Ich könnte es machen, aber es geht mir um’s Prinzip“steige ich in ein ziemlich grünes Kanu und will von jetzt an die Zeit  bis Sonntag Abend genießen, ohne mich zu ärgern. Schon nach wenigen Minuten hat mir mein Mitpaddler beigebracht, wie man sich mit dem Paddel fortbewegt, ohne dabei Hose und T-Shirt einzuweichen.Vor mir Grün in allen Schattierungen, unter mir hüfthohes Wasser und neben mir blau schimmernde, kleine Libellen. Das Sonnenlicht fällt hier und da durch die Blätter und beleuchtet eine Szenerie, die friedlicher nicht sein könnte. Von Zeit zu Zeit kommen mir andere Paddler entgegen. Man grüßt sich freundlich und paddelt seiner Wege. Von der Hauptspree zweigen unzählige Fließe ab. Gut, dass an jeder Kreuzung Schilder mit Kilometerangaben auf den nächsten Ort hinweisen und gut, dass eine Karte zum Boot dazu gehört. Meine Route hat auch ein paar Schleusen zu bieten. Barfüßige Jungs bessern sich ihr Taschengeld auf, indem sie die Tore öffnen und schließen. Dabei sagen sie einen gereimten Spruch auf und bitten damit um einen kleinen Obolus, den man in einen Plastikbecher wirft.

Nach ein paar Stunden ist mir nach einer Rast zumute. Schnell ist das Kanu aus dem Wasser gezogen und ich stehe in einem – tja, Lokal kann man es kaum nennen. Es ist eigentlich ein großer Garten, in dem wenige Tische aufgebaut sind. Gartenfrisches Gemüse kann man hier auch kaufen. Die Besitzerin, gezeichnet von der körperlichen Arbeit, bemüht sich sehr um ihre Gäste. Die Bockwürste, die sie auftischt, scheinen handgemacht zu sein. Wenig Auswahl und alles einfach, aber im positiven Sinn. Kein großes Werbegedöns, authentisch und vielleicht das, wonach wir uns in unserer komplizierten Welt heimlich sehnen.

Tag zwei im Spreewald. Nachdem ich gestern die Welt aus der Höhe der Grasnarbe betrachtet habe, schwinge ich mich heute aufs Fahrrad, erstaunlicherweise ohne Muskelkater in den Armen. Von der Perspektive des Fahrradsattels kommt mir die Natur wie ein Urwald vor. Die unbefestigten Wege führen meist parallel zu den Fließen in kleine Ortschaften, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Aufgeräumt, leise,  angenehm unhektisch und mit Storchennestern, die hoch auf einem Gestell thronen. War es im Wald angenehm temperiert, so  umfängt mich die Sommerhitze auf den Feldern. Es gibt nichts Spektakuläres zu sehen. Was meine Seele zum Schwingen bringt, ist die so freundliche und friedliche Natur an diesem Sommersonntagmittag. Ich staune, wie wenig man braucht, um nicht nur zufrieden, sondern beinahe in Hochstimmung zu sein. Sonne scheint, Wiesenblumen blühen, Vögel zwitschern – hier könnte ein Werbespot für naturbelassene Lebensmittel gedreht werden.

Am Ortsrand von Lübbenau hat mich die Zivilisation wieder. An einfachen Straßenständen stehen verschiedene Sorten von Spreewaldgurken, Meerrettich- und Senfzubereitungen. Diesen Gurken kann man übrigens hier nicht entkommen. Egal, wo ich bin, der nächste Gurkenstand ist bestimmt in Sichtweite. Bestimmt gibt es Leute, denen sie schmecken, aber mich haben eingelegte Gurken nicht einmal gereizt, als ich schwanger war. Leider reicht die Zeit nicht mehr, um durch Lübbenau zu ziehen. Dieses Mal hat mich die Natur mehr interessiert als Menschengeschaffenes.

Mein Fazit: das war ein perfektes Sommerwochenende.

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