Weimar mal ohne Goethe und Schiller

März 2016

Es fing neulich ganz harmlos mit einem Ausflug ins nahe gelegene Bielefeld an, wo ich mir eine ehemalige Wäschefabrik ansah. Begeistert von der Industriekultur, fuhr ich nur wenig später in die entgegengesetzte Richtung nach Alfeld, um über das Fagus-Werk, das nach hundert Jahren immer noch einen modernen Eindruck macht, zu staunen. Es ist das Erstlingswerk von Walter Gropius. Schon als ich durch das Gebäude ging, wusste ich: Ich will mehr Bauhaus!

Jetzt also Weimar.

Hier steht die Wiege des modernen Designs. Aus der ehemaligen Kunstgewerbeschule ist keineswegs über Nacht, sondern in langen Findungsprozessen etwas revolutionär Neues entstanden. Die zentrale Idee bestand darin, Kunst und Handwerk zu vereinigen. Wie die Bauhaus-Bewegung in Gang kam, erfahre ich beim Bauhaus-Spaziergang, den eine Architekturstudentin leitet. Sie ist mit Herzblut dabei und erzählt Geschichte und Geschichten mit allerlei rhetorischem Handwerkszeug, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt. Später erfahre ich, dass man mit seiner Führung, die natürlich je nach Studienrichtung individuell gefärbt ist, vor einer Jury bestehen muss. Kein x-beliebiger Stundenten-Job also.

Auf dem Gelände der Bauhaus-Universität stehen mehrere Gebäude: Der Winkelbau ging aus der Kunstgewerbeschule hervor, das Brendelsche Atelier mit seinem Dach aus einem Stahlfachwerk und Glas, die Atelierhäuser und das Hauptgebäude. Im Brendelschen Atelier ist eine kleine Cafeteria untergebracht, die auch Kuchen und natürlich Studentenfutter anbietet, aber auch das Gehirn kann gefüttert werden: es gibt eine Auswahl an Büchern für den interessierten Laien zu kaufen.

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Erwartungsgemäß atme ich im Hauptgebäude den Geist der Universität als Lernort, was mir gut gefällt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ganz entspannt durch die Gänge schlendern kann, ohne vor einer Prüfung zittern zu müssen. Früher war das natürlich anders …

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So sieht es heutzutage aus. In der obersten Etage basteln die Studenten ihre Modelle

Ein klares Wort zur rechten Zeit ...

Ein klares Wort zur rechten Zeit …

 

Anlässlich der Bauhausausstellung im Jahr 1923 stellte Gropius ein Raumkonzept vor, in dem jeder Winkel präzise durchdacht war. Der Raum besteht aus einem 5 x 5 x 5 Meter großen Kubus, der einen weiteren Kubus von 3,15 x 3,15 x 3,15 Metern aufnimmt. Der kleinere Würfel wird auf dem Boden begrenzt durch einen Teppich mit diesen Maßen und in der Höhe durch eine Leuchtenkonstruktion. Der Besuchersessel für die Studenten ist nach demselben Prinzip gebaut. Gropius selbst saß auf einem Holzstuhl. Das Verhältnis von Holzstuhl zu Sessel spiegelt auch das Verhältnis der „Besitzer“ wider: Hierarchien sollten abgebaut werden, um einen Dialog „ohne klassentrennende Anmaßung“ zu ermöglichen.

Das Gropius-Zimmer

Das Gropius-Zimmer

Soweit zur Theorie. Nach einem zehnminütigen Spaziergang sehen wir die praktische Umsetzung der Bauhaus-Ideen im Haus am Horn. Rund um das zentrale Wohnzimmer sind alle anderen Räume angeordnet und streng funktional eingerichtet. Damals war es mit einer Zentralheizung, warmem Wasser und einer Waschmaschine auf dem neuesten technischen Stand. Damals, das war übrigens 1923. Hätte mich jemand gefragt, hätte ich das Baujahr von außen ungefähr auf die 1960er geschätzt. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass das Bauhaus-Design noch heute modern wirkt. Es ist wohl die Beschränkung auf die geometrischen Grundformen ohne Schnörkel und Verzierungen und das Postulat „form follows function“, die es zeitlos machen.

Haus am Horn

Haus am Horn

Anno 1923?

Anno 1923?

Wie immer, wenn ich eine Führung vorstelle, möchte ich nicht zu viel verraten, sondern nur ein paar Appetithäppchen präsentieren, damit ihr direkt vor Ort in den vollen Genuss kommt.

Eine schöne Ergänzung zum Spaziergang ist das Bauhaus-Museum. Die Exponate sind zwar alle in einem Raum untergebracht, aber ich war über eine Stunde versunken und immer wieder fasziniert, wie man eigentlich Bekanntes neu gedacht hat.

Es ist eine Wiege

Es ist eine Wiege

 

Wenn es nicht dranstehen würde, wäre ich nicht darauf gekommen

Wenn es nicht dranstehen würde, wäre ich nicht darauf gekommen

 

Tut mir leid, Goethe und Schiller. Für euch habe ich dieses Mal keine Zeit. Wir sehen uns später.

 

 

Daten und Fakten

Bauhaus-Spaziergang freitags und samstags, ohne Voranmeldung. Man findet sich einfach um 14 Uhr am Treffpunkt Bauhaus-Atelier ein. Kosten: 9,- pro Person
Bauhaus-Museum 10 bis 18 Uhr geöffnet, dienstags geschlossen; Eintritt 4,- inkl. Audioguide

(Stand Februar 2016)

Es fing neulich ganz harmlos mit einem Ausflug ins nahe gelegene Bielefeld an, wo ich mir eine ehemalige Wäschefabrik ansah. Begeistert von der Industriekultur, fuhr ich nur wenig später in die entgegengesetzte Richtung nach Alfeld, um über das Fagus-Werk, das nach hundert Jahren immer noch einen modernen Eindruck macht, zu staunen. Es ist das Erstlingswerk von Walter Gropius. Schon als ich durch das Gebäude ging, wusste ich: Ich will mehr Bauhaus!

Jetzt also Weimar.

Hier steht die Wiege des modernen Designs. Aus der ehemaligen Kunstgewerbeschule ist keineswegs über Nacht, sondern in langen Findungsprozessen etwas revolutionär Neues entstanden. Die zentrale Idee bestand darin, Kunst und Handwerk zu vereinigen. Wie die Bauhaus-Bewegung in Gang kam, erfahre ich beim Bauhaus-Spaziergang, den eine Architekturstudentin leitet. Sie ist mit Herzblut dabei und erzählt Geschichte und Geschichten mit allerlei rhetorischem Handwerkszeug, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt. Später erfahre ich, dass man mit seiner Führung, die natürlich je nach Studienrichtung individuell gefärbt ist, vor einer Jury bestehen muss. Kein x-beliebiger Stundenten-Job also.

Auf dem Gelände der Bauhaus-Universität stehen mehrere Gebäude: Der Winkelbau ging aus der Kunstgewerbeschule hervor, das Brendelsche Atelier mit seinem Dach aus einem Stahlfachwerk und Glas, die Atelierhäuser und das Hauptgebäude. Im Brendelschen Atelier ist eine kleine Cafeteria untergebracht, die auch Kuchen und natürlich Studentenfutter anbietet, aber auch das Gehirn kann gefüttert werden: es gibt eine Auswahl an Büchern für den interessierten Laien zu kaufen.

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IMG_7977

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Erwartungsgemäß atme ich im Hauptgebäude den Geist der Universität als Lernort, was mir gut gefällt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ganz entspannt durch die Gänge schlendern kann, ohne vor einer Prüfung zittern zu müssen. Früher war das natürlich anders …

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So sieht es heutzutage aus. In der obersten Etage basteln die Studenten ihre Modelle

Ein klares Wort zur rechten Zeit ...

Ein klares Wort zur rechten Zeit …

 

Anlässlich der Bauhausausstellung im Jahr 1923 stellte Gropius ein Raumkonzept vor, in dem jeder Winkel präzise durchdacht war. Der Raum besteht aus einem 5 x 5 x 5 Meter großen Kubus, der einen weiteren Kubus von 3,15 x 3,15 x 3,15 Metern aufnimmt. Der kleinere Würfel wird auf dem Boden begrenzt durch einen Teppich mit diesen Maßen und in der Höhe durch eine Leuchtenkonstruktion. Der Besuchersessel für die Studenten ist nach demselben Prinzip gebaut. Gropius selbst saß auf einem Holzstuhl. Das Verhältnis von Holzstuhl zu Sessel spiegelt auch das Verhältnis der „Besitzer“ wider: Hierarchien sollten abgebaut werden, um einen Dialog „ohne klassentrennende Anmaßung“ zu ermöglichen.

Das Gropius-Zimmer

Das Gropius-Zimmer

Soweit zur Theorie. Nach einem zehnminütigen Spaziergang sehen wir die praktische Umsetzung der Bauhaus-Ideen im Haus am Horn. Rund um das zentrale Wohnzimmer sind alle anderen Räume angeordnet und streng funktional eingerichtet. Damals war es mit einer Zentralheizung, warmem Wasser und einer Waschmaschine auf dem neuesten technischen Stand. Damals, das war übrigens 1923. Hätte mich jemand gefragt, hätte ich das Baujahr von außen ungefähr auf die 1960er geschätzt. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass das Bauhaus-Design noch heute modern wirkt. Es ist wohl die Beschränkung auf die geometrischen Grundformen ohne Schnörkel und Verzierungen und das Postulat „form follows function“, die es zeitlos machen.

Haus am Horn

Haus am Horn

Anno 1923?

Anno 1923?

Wie immer, wenn ich eine Führung vorstelle, möchte ich nicht zu viel verraten, sondern nur ein paar Appetithäppchen präsentieren, damit ihr direkt vor Ort in den vollen Genuss kommt.

Eine schöne Ergänzung zum Spaziergang ist das Bauhaus-Museum. Die Exponate sind zwar alle in einem Raum untergebracht, aber ich war über eine Stunde versunken und immer wieder fasziniert, wie man eigentlich Bekanntes neu gedacht hat.

Es ist eine Wiege

Es ist eine Wiege

 

Wenn es nicht dranstehen würde, wäre ich nicht darauf gekommen

Wenn es nicht dranstehen würde, wäre ich nicht darauf gekommen

 

Tut mir leid, Goethe und Schiller. Für euch habe ich dieses Mal keine Zeit. Wir sehen uns später.

 

 

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