Welterbe hinter den Sieben Bergen

Februar 2016

Welterbe hinter den Sieben Bergen

Carl Benscheidt war verletzt nach dem Gespräch mit den Erben seines Arbeitgebers. Nach langer Zeit als leitender Angestellter fühlte er sich durchaus in der Lage, die Geschicke der Firma vollends zu leiten. Dies verwehrte man ihm und obendrin wurde er noch verhöhnt. Recht schnell gewann sein Ehrgeiz die Oberhand. Er wollte sein eigenes Unternehmen gründen und zwar genau gegenüber, auf der anderen Seite der Bahnlinie. Rasch wurde ein Architekt hinzugezogen. Nachdem der Landrat von den Plänen erfuhr, sprach er darüber mit seinem Schwager in Berlin, einem jungen Architekten names Walter Gropius, der sich prompt bei Benscheidt bewarb. Der Auftrag war an sich schon vergeben, allerdings gefiel dem Firmengründer der Entwurf der Fassade nicht. Daher setzte er sich mit Gropius in Verbindung und sehr schnell stellte sich heraus, dass beide ähnliche Vorstellungen von einer modernen Produktionsstätte hatten. Wir schreiben das Jahr 1910 und Fabrikarbeiter schuften in dunklen Räumen mit bogenförmigen Fenstern. Gropius meint: „Der Arbeit müssen Paläste geschaffen werden, die dem Fabrikarbeiter, dem Sklaven der modernen Industriearbeit, (…) Licht, Luft und Reinlichkeit geben“ und setzt diesen Gedanken unter anderem als Glasfassade mit Stahlträgern um, damit möglichst viel Licht ins Innere fiel. Entstanden ist ein wegweisendes Industriegebäude der Moderne, das Architekturgeschichte geschrieben hat.

Gropius' Bewerbung als junger Architekt: "... wäre in der Lage, Ihnen ein künstlerisch und grafisch durchdachtes Projekt auszuarbeiten." Jeder fängit man klein an.

Gropius‘ Bewerbung als junger Architekt:
„… wäre in der Lage, Ihnen ein künstlerisch und grafisch durchdachtes Projekt auszuarbeiten.“
Jeder fängt mal klein an.

 

Die ersten drei Reihen durfte noch der erste Architekt setzen lassen. Dann kam Gropius.

Die ersten drei Reihen durfte noch der erste Architekt setzen lassen. Dann kam Gropius.

 

Klare Formensprache und zeitlos. Die Fassade macht nicht den Eindruck, als wäre sie schon hundert Jahre alt.

Klare Formensprache und zeitlos. Die Fassade macht nicht den Eindruck, als wäre sie schon hundert Jahre alt.

 

Es wurde stets vorbildlich renoviert, so dass hier auch heute noch nach über 100 Jahren produziert wird. Das Fagus-Werk bezeichnet sich auch gern als „lebendes Denkmal“. Damit hat der Architekt Nachhaltigkeit geschaffen; und zwar schon achtzig Jahre bevor der Begriff zum Modewort verkam. Inzwischen hat das Werk den Status „UNESCO Welterbe“ erlangt und setzte sich damit gegen Bewerbungen wie die Altstadt von Heidelberg durch.

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Der Mensch im Mittelpunkt. Die schwarzen Elemente sind aus Glas gefertigt.

Der Mensch im Mittelpunkt. Die schwarzen Elemente sind aus Glas gefertigt.

Auch die Küchenmöbel für die Privatwohnung stammen aus Gropius' Feder.

Auch die Küchenmöbel für die Privatwohnung stammen aus Gropius‘ Feder.

Der berühmte Türdrücker

Der berühmte Türdrücker

 

Gropius setzte mit seinem Entwurf einen Meilenstein gleich zu Anfang seines Berufslebens und gründete acht Jahre später das Bauhaus in Weimar, der Wiege der Klassischen Moderne, dessen ursprünglicher Gedanke es war, Handwerk und Kunst zusammenzuführen.

Benscheidt vollendete sein Lebenswerk mit dem Fagus-Werk, das er im Alter von 53 Jahren gründete. „Fagus“ ist der lateinische Name für Buche. Aus Buchenholz bestehen nämlich die Schuhleisten, mit denen das Unternehmen zahlreiche bekannte Schuhhersteller beliefert. Heutzutage werden jedoch nur noch die von den Modelleuren kreierten Urformen aus Holz hergestellt, die nachfolgenden Leisten bestehen aus Kunststoff. In der Modellwerkstatt liegen die Leisten für die Schuhmode im nächsten Jahr. Demnach werden sehr spitze Damenschuhe in den Regalen stehen. Gut zu wissen, da werde ich bestimmt nicht in einen Kaufrausch verfallen.

Ein Schuhleisten entsteht

Ein Schuhleisten entsteht

 

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Außer den großen Fensterfronten hat die Produktionshalle auch noch Oberlichter, so dass nur noch wenig künstliches Licht erforderlich ist. Regelmäßig finden dort auch kulturelle Veranstaltungen statt, jawohl, direkt im Produktionsbereich. Einige Arbeitsplätze werden dann beiseite geräumt, aber der Industriecharme bleibt erhalten.

Als noch alle Schuhleisten aus Holz gefertigt wurden, musste es vor der Verarbeitung trocknen, und zwar im Trockenhaus. Der Fußboden des mehrstöckigen Gebäudes besteht aus Brettern, die mit Luftspalt verlegt wurden, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte. So kann man durch die Zwischenräume in die darunter liegende Etage blicken. Heute beherbergt das fünfstöckige Trockenhaus eine Ausstellung mit zwei Themen auf jeder Etage. Es geht um die Baugeschichte und Restaurierung, Schuhmode in den letzten hundert Jahren, den Werkstoff Holz, die Firmengeschichte und natürlich um den Firmengründer und seinen genialen Architekten, Walter Gropius.

Diese Treter standen schon auf mancher politischen Bühne und haben viel von der Welt gesehen. Sie gehören Angela Merkel.

Diese Treter standen schon auf mancher politischen Bühne und haben bestimmt viel von der Welt gesehen. Sie gehören Angela Merkel.

 

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Wo ist eigentlich Alfeld zu finden? Fast hätte ich geschrieben: hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Der erste Teil stimmt zumindest. Die Gegend dort heißt tatsächlich „Sieben Berge“. Alfeld liegt 50 Kilometer südlich von Hannover.

Nachdem ich kürzlich zufällig von den Bielefelder Wäschefabriken erfuhr, habe ich meine Route der Industriekultur im Fagus-Werk fortgeführt. In Kürze werde ich aus Weimar berichten. Dort gründete Gropius das Bauhaus. Und ein, zwei Dichter haben auch ihre Spuren hinterlassen.

Daten und Fakten

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen finden samstags um 12 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr statt.

Kosten für die Führung: 4 Euro
Eintritt für die Ausstellung: 8 Euro

(Stand Februar 2016)

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