Bielefeld – Zeitreise mit 50 Nähmaschinen

Januar 2016

Bielefeld – Zeitreise mit 50 Nähmaschinen

Zwischen zwei nichtssagenden Hauswänden führt ein schmaler Gang zu einem Hinterhaus mit einem Stückchen Rasen, zu den „Vereinigten Wäschefabriken“. Schon als ich über Schwelle trete, bemerke ich den Geruch. So sehr ich auch in meiner Erinnerung krame, ich weiß nicht, wann ich ihn schon mal in der Nase hatte: nicht chemisch, ein bisschen alt, aber nicht unangenehm. Es muss irgendwann in Kindertagen gewesen sein, und das ist schon ganz schön lange her. In den deckenhohen Regalen stapeln sich die Stoffrollen und -ballen und warten darauf, zu Hemden, Blusen, Bettwäsche oder Nachthemden verarbeitet zu werden. Ein Perlon-Hemd aus den Anfängen der Kunstfaser-Mode hängt auf dem Bügel. Damals der letzte Schrei, weil bügelfrei. Im Jahr 2016 fühlt es sich an, als würde man sich in einen Duschvorhang wickeln: garantiert atmungsinaktiv, so dass die Perlon tragende Herrenwelt schon nach kurzer Zeit eine olfaktorische Zumutung für die Mitmenschen war.

Als Hugo Juhl im Jahr 1913 das Unternehmen gründete, war noch nicht die Rede von bahnbrechenden textilen Erfindungen wie Perlon. Weil er jüdischen Glaubens war, verkaufte er seine Fabrik 1938 an die Gebrüder Winkel. Nach einer Produktionsunterbrechung wegen des Krieges wurde ab 1945 wieder genäht. Nach dem Wirtschaftswunder folgte der Niedergang. Die Konkurrenz aus den „Billiglohnländern“ war zu stark, so dass die Fabrik 1981 geschlossen wurde. Fünf Jahre später entdeckte ein Bielefelder Fotograf das Haus. Er muss es wohl ähnlich vorgefunden haben wie ich jetzt gerade: scheinbar sind die Angestellten eben zur Pause gegangen und kommen gleich zu ihren Arbeitsplätzen zurück. Nichts wirkt gekünstelt aufbereitet oder museal, sondern genau so wie im richtigen Leben. Selten habe ich ein Stück Geschichte so echt, bis ins kleinste Detail authentisch erlebt. Sogar die Elektroinstallation ist die von damals, mit Schaltern, Kabelschellen und Verlegetechnik von damals.

Im Nähsaal, in dem zu Spitzenzeiten 50 Näherinnen arbeiteten, höre ich förmlich die Nähmaschinen surren und sehe vor meinem geistigen Auge, wie die Frauen Stoffstücke übereinander legen, Knöpfe anähen, Kragen wenden und Meter um Meter Nähte produzieren. Die Maschinen wurden zentral angetrieben und jede Näherin konnte sich ein- oder auskuppeln. Im selben Raum stehen riesige Tische, auf denen der Stoff zugeschnitten wurde. Schnittmuster mit Größenangaben liegen herum. Eine Größe 40 kommt mir vor wie eine heutige Größe 36. Liegt es daran, dass wir heute größer und die Konfektionsgrößen mitgewachsen sind oder hat es eher etwas mit unserer Eitelkeit zu tun, lieber zu einer kleineren Größe zu greifen?

In den Pausenraum im Keller verirrte sich nur selten oder nie ein Lichstrahl. Auf ganz einfachen Klapphockern wurde aus der mitgebrachten Düppe gegessen, die bis zur Mittagszeit im Wasserbad warm gehalten wurden.

Aber auch das Zimmer der beiden Direktoren ist keineswegs prunkvoll, sondern rein funktional ausgestattet und so klein, dass Besucher in einem separaten, ebenfalls sehr kleinen Zimmer empfangen wurden. Moment, sagte einer der beiden nicht gerade: „Fräulein Sieglinde, bitte zum Diktat“?

Das Zimmer der Buchhaltung steht voll mit Karteikästen. Und doch, ich glaube, alle Daten in diesem Raum ließen sich in einer einzigen Excel-Datei unterbringen. Was für eine digitale Revolution wir seitdem durchlaufen haben! Wie schon bei den Schnittmustern stelle ich fest, dass sich die Größenverhältnisse in den letzten vierzig, fünfzig Jahren gewaltig geändert haben. Raumfüllende Karteien werden eingedampft auf elektronische Miniaturen, die wir mit dem bloßen Auge nicht einmal erkennen können. Die fast puppenstubenartigen Büros einer ehemals veritablen Fabrik würden heute gerade einmal einem Start-Up-Unternehmen genügen.

Die Fabrikantenwohnung ist nur zugänglich, wenn dort das Wohnzimmer zum „Kleinen Kultursalon“ umfunktioniert wird und dort Vorstellungen und Lesungen stattfinden. Hierzu muss man sich unbedingt anmelden, da es nur 50 Plätze gibt.

Dieses Schmuckstück der Industriekultur in Ostwestfalen fasziniert mich, weil es so echt, lebensnah und liebevoll gepflegt ist. Und ich ahne, dass es noch mehr zu sehen gibt. Weitere ehemalige Fabriken in der Umgebung und die Bielefelder Kunsthalle habe ich mir für die nächsten Sonntage vorgenommen. Ihr dürft gespannt sein!

 

Viktoriastraße 48a
33602 Bielefeld

Öffnungszeiten: sonntags 11 bis 18 Uhr
Eintritt: EUR 3,-

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