Linden – Hannovers bunter Kosmos

November 2015

Linden ist nicht irgendein Stadtteil von Hannover, nein, Hannover ist eigentlich ein Vorort von Linden. Das stimmt verwaltungstechnisch zwar nicht so ganz, aber die selbstbewussten Lindener können sich nicht recht damit abfinden, dass die einstmals selbstständige Stadt eingemeindet wurde. Ist ja auch erst 95 Jahre her.

Einstmals gab es in Linden, als es noch unabhängig war, eine Textilfabrik. Hierzu gehörten auch eine Spinnerei und Weberei. Später siedelte sich die Hannoversche Maschinen Actien Gesellschaft, besser bekannt als Hanomag, an. So wohnten hier schon immer viele Arbeiter. Die eher schlichten Häuserreihen boten nur Toiletten auf halber Treppe. Deshalb wurde im Zentrum ein Badehaus errichtet. Heutzutage haben die Häuser natürlich komplette Badezimmer, deshalb ist aus dem Badehaus ein Theater geworden. Aber auch wunderschöne Jugendstilhäuser mit fein geschmiedeten Gittern geben Linden ein unverwechselbares Gesicht. Dann ist da noch der Von-Alten-Park, der einst in Konkurrenz zu den weltbekannten Herrenhäuser Gärten stand. Leider ist nur noch ein Bruchteil davon erhalten.

Das Traditionsunternehmen Hanomag stellte einst Lokomotiven, Traktoren und zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch Rüstung her. Dann geriet es mehrmals in die Hände anderer Unternehmen und wurde schließlich stillgelegt. Heute ist die ehemalige Industriebrache mit einer Mischung aus Geschäften, Büros und Lofts wiederbelebt.

Linden ist so bunt, so vielfältig, so multikulturell, nur eins nicht: abgehoben. Kein Prosecco, sondern Bier. Keine Designerläden, sondern Kreativwerkstätten. Linden ist ‘ne ehrliche Haut. Noch. Allerdings gibt es wohl schon erste Anzeichen von Gentrifizierung.

All das erfahre ich auf einer Eat-the-world-Tour. Die Idee hat die Gründerin Elke Freimuth aus New York mitgebracht, erste Erfahrungen in Berlin gesammelt und das Konzept dann vervielfältigt: bei diesen Stadtführungen ist man drei Stunden zu Fuß unterwegs, wodurch der Radius einigermaßen überschaubar bleibt. Die Tour ist nicht so anstrengend, wie sie klingt, denn die Gruppe lässt sich in dieser Zeit sieben Mal nieder, um mit den verschiedensten Kleinigkeiten den Stadtteil auch kulinarisch zu erschlließen. Die Palette reicht dabei von Trüffel bis Pizza und natürlich würde es nicht „eat the world“ heißen, wenn es nicht Eßbares aus vielen Ländern gäbe. Mein persönlicher Favorit ist ein persisches Lokal mit leckeren Dips, Oliven und hausgemachtem, persischen Brot. Kaum betreten wir die Lokale, steht auch schon alles bereit. Als Vegetarierin brauche ich keinen Hunger zu leiden. Wenn man bei der Anmeldung Sonderwünsche angibt, werden diese berücksichtigt. Oberstes Gebot: Restaurantketten sind tabu. Authentisch soll es sein und typisch. Zu trinken gibt es allerdings nichts während der Tour. Es ist also ratsam, sich eine Flasche Wasser einzustecken, bevor man sich auf den Weg macht.

Die Historie ist interessant, ja. Die vielen kleinen Geschichten der Menschen, die hier wohnen und den Ort zu etwas Besonderem machen, gefallen mir aber mindestens genauso gut. Da ist zum Beispiel der Spanier, der sich auf ungewöhnliche Weise ein Stück Heimat hierher holt. Oder der glückliche Gewinner von „Wer wird Millionär?“, der hier nach wie vor sein Café betreibt und Tablequiz-Abende veranstaltet. Genau dieses Tablequiz hatte ihn bei der Millionenfrage gerettet, denn die alles entscheidende Antwort zu einer Briefmarke hatte er schon in seinem eigenen Café gehört.

Die Tour endet in einem Bioladen, der uns mit Käsehäppchen verwöhnt. Als inhabergeführter Einzelhandel schon fast eine Rarität, in Linden eher die Regel. Als eine Bioladenkette ein Geschäft eröffnete, flogen jedoch die Farbbeutel. Sie haben halt ihren eigenen Kopf hier.

Möchte noch jemand wissen, warum der Deisterkiez gegründet wurde, was die drei warmen Brüder tun und wie sie aussehen, warum die Kirschen in Linden weit mehr als eine Obstsorte sind, was sich hinter „Frühling bitte“ verbirgt oder warum der Lichtenbergplatz eine Fernsehberühmtheit ist?

Sag ich nicht. Jedenfalls nicht an dieser Stelle.

Ich möchte euch nämlich nicht den Spaß nehmen, Linden auf diese etwas andere Weise zu entdecken. In Hannover gibt es noch zwei weitere Touren. Mindestens eine davon werde ich auch noch ausprobieren. Bis auf Weiteres bleibt Linden aber mein Lieblingsstadtteil in Hannover.

Essend kann man übrigens noch 15 andere Städte entdecken: www.eat-the-world.com.

 

Eat the world hat mich zu dieser Tour eingeladen.

6 Kommentare

  1. Kommentar von Jürgen Herrmann

    Jürgen Herrmann Dezember 2015 at 07:49

    Hallo, Frau Mersmann,
    neulich waren wir gemeinsam in Linden unterwegs. Es hat mich gefreut zu sehen, wie Aussenstehende die Tour wahrnehmen. Und vor allem bin ich von den Bildern fasziniert. Es ist doch sehr schön, wenn jemand so eine Zusammenfassung schreiben kann.
    Vielen Dank und noch viel Spass bei Ihren Aktivitäten, viele Grüße aus dem bunten Linden.
    Jürgen Herrmann

  2. Kommentar von monika

    monika Dezember 2015 at 09:48

    Hallo Herr Herrmann,
    es hat mir viel Spaß gemacht, aus Ihren vielen Geschichten über Linden zu lernen, wie vielfältig dieser Ort ist und wie die Menschen, die dort leben ihn zu etwas ganz Besonderem machen.

  3. Kommentar von Rita

    Rita Dezember 2015 at 15:40

    Erst letztes Wochenende bin ich mal wieder für 2 Nächte ins wunderschöne Hannover zurückgekehrt. Diesmal hat uns ein kleines wunderbares Hotel in der List beherbergt und ich danke jetzt schon für diesen tollen Tipp. Denn auch von der List ist es ein Katzensprung bis nach Linden und im Frühjahr ist bereits die nächste Heimfahrt nach Hannover geplant. Und da wird dieser Tipp oder einer der anderen beiden sicherlich wahrgenommen und verwirklicht.
    Hannover ist toll:-)
    Gruß aus dem Ruhrgebiet

  4. Kommentar von monika

    monika Dezember 2015 at 16:48

    Bin ganz deiner Meinung – Hannover ist toll! Und weil das so ist, folgen hier bestimmt noch weitere Artikel über Hannover. Ich habe die List und auch die Nordstadt ins Auge gefasst.

  5. Kommentar von Alexander

    Alexander Dezember 2015 at 19:16

    Kompliment! Offen gestanden bin ich lediglich „per Zufall“ auf diesen Beitrag über die Stadt, in der ich studiert und einige Jahre gelebt habe, gestoßen. Mir hat Deine Mischung aus kulinarischem Reiseführer, tollen Fotos! und Erklärung der geschichtsträchtigen Vergangenheit sehr gut gefallen. Ganz klasse: Dein humoriger Aufhänger „Ist ja auch erst 95 Jahre her…“ Jedenfalls schaue ich jetzt regelmäßig bei „Reisenteilen“ vorbei.

  6. Kommentar von monika

    monika Dezember 2015 at 09:13

    Danke für den netten Kommentar und willkommen als regelmäßiger Gast bei Reisenteilen! Über Hannover wirst du immer wieder mal etwas finden. Es wird höchste Zeit, allen zu zeigen, dass diese Stadt mindestens einen Besuch wert ist.

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