Menschentürme – Castellers wollen hoch hinaus

Oktober 2015

Im ehemaligen Fabrikgebäude von Granollers wuselt es bunt und laut durcheinander. Barfüßige Männer und Frauen mit Hemden und schwarzen Bauchbinden stehen in kleinen und großen Gruppen auf quadratischen Matten zusammen und unterhalten sich. Einige wickeln sich in ihre meterlangen Bauchbinden ein. Andere stehen vor einer großen Tafel mit vielen Namen.

So ziemlich in der Mitte des ganzen Getümmels bilden drei Männer einen Kreis, indem sie sich an den ausgestreckten Armen festhalten. An ihre Rücken lehnen sich weitere Menschen. Plötzlich tauchen im inneren Kreis weitere Männer von unten auf. Von außen kommen weitere hinzu. Unvorstellbar dicht gepackt stehen sie aneinander gedrängt. Kann da überhaupt noch jemand atmen? Der Geräuschpegel nimmt jetzt deutlich ab. Eine Stimme ruft mehrere Namen. Drei Männer klettern jetzt über die Schultern der anderen zur Mitte hin und bilden damit eine weitere Etage. Jetzt ruft einer „Silencio“ und dann noch mehr Namen. Es wird ganz still. Die Angesprochenen machen sich auf den Weg, um – man glaubt es kaum – über die Schultern der Untenstehenden und die Rücken der obenstehenden Dreiergruppe nach oben zu steigen und ihrerseits die nächste Etage aufzubauen. Jetzt sind die Frauen dran. Drahtig und zügig stellen sie sich auf die Schultern der Männer. Alle sind hochkonzentriert und halten Balance. Zuweilen wackelt der Turm ein wenig, aber er hält. In den Gesichtern steht Anspannung. Die Spitzen der Hemdkragen halten sie mit den Zähnen fest, damit die auf ihnen Stehenden nicht abrutschen, denn sobald die obere Etage ins Rutschen kommt, würde der Tum komplett zusammenfallen. Die Bauchbinden geben ihnen Rumpfstabilität und den Klettermaxen dient sie als eine Art Stufe. Wer klettert, steigt mit dem ersten Fuß in die Kniekehle des anderen. Der zweite Fuß sucht Halt in der Bauchbinde. Mit dem nächsten Schritt stehen sie im Idealfall auf der Schulter. Zum Schluss sind drei Kinder an der Reihe. Geschickt klettern sie mit ihren Helmen nach oben und wieselflink wieder hinunter. Zwei von ihnen bilden eine Brücke und das letzte klettert darüber hinweg. Damit gilt der Turm als vollständig aufgebaut. So schnell wie möglich wird er jetzt wieder abgebaut, um die Basis zu entlasten. Ich wage gar nicht auszurechnen, wie viel Gewicht die Männer ganz unten schultern und wie sie im Falle eines Einsturzes die Wucht des Aufpralls abmildern müssen.

Für mich ist das ein Meisterwerk an Gemeinschaftsleistung. Der Zusammenhalt im wörtlichen Sinne ist essentiell, damit das Gebäude nicht einstürzt. Diese Castells, wie die Menschentürme genannt werden, haben eine große Symbolkraft für die Katalanen, deren Ruf nach Unabhängigkeit von Spanien immer lauter wird. Prompt trete ich auch ins Fettnäpfchen, als ich mit einem der Castellers vom bevorstehenden Nationalfeiertag, dem 12. Oktober, spreche. Für die Katalanen ist es einfach nur freier Tag, der Rest Spaniens feiert den Tag, an dem Kolumbus Amerika entdeckte. Die Katalanen hingegen feiern den 11. September. Dies war im Jahre 1714 der letzte Tag ihrer Unabhängigkeit.

Castells werden meistens bei Straßenfesten gebaut. Oft treten dann verschiedene Gruppen gegeneinander an. An diesem Übungsabend jedoch kann ich aus geringer Entfernung und von einem oberen Stockwerk aus beobachten, wie so ein Castell konstruiert wird und wie viel Anstrengung und Konzentration es kostet.

Wir mir David, einer der Castellers erklärt, habe ich an diesem Abend nur kleinere Türme gesehen. Es gibt Konstruktionen mit bis zu achthundert Menschen. Die Basis nennt sich „Pinya“, darauf der „Tronc“ (Stamm) und obendrauf die Kuppel (Pom de Dalt). Auch die Basis ist kein wildes Durcheinander, sondern hat eine definierte Struktur. Es gibt festgelegte Ordnungen, die nach der Zahl der Menschen pro Etage und der Anzahl der Stockwerke benannt werden. Das höchste, was je erreicht wurde, waren sagenhafte zehn Etagen. Es kommt auch vor, dass Innentürme mit nur einer Person pro Etage gebaut werden. Unglaublich!

Ganz herzlichen Dank an David und die anderen Xics de Granollers, dass ich dabei sein und ein Stück katalanischer Kultur hautnah miterleben durfte.

Im ehemaligen Fabrikgebäude von Granollers wuselt es bunt und laut durcheinander. Barfüßige Männer und Frauen mit Hemden und schwarzen Bauchbinden stehen in kleinen und großen Gruppen auf quadratischen Matten zusammen und unterhalten sich. Einige wickeln sich in ihre meterlangen Bauchbinden ein. Andere stehen vor einer großen Tafel mit vielen Namen.

So ziemlich in der Mitte des ganzen Getümmels bilden drei Männer einen Kreis, indem sie sich an den ausgestreckten Armen festhalten. An ihre Rücken lehnen sich weitere Menschen. Plötzlich tauchen im inneren Kreis weitere Männer von unten auf. Von außen kommen weitere hinzu. Unvorstellbar dicht gepackt stehen sie aneinander gedrängt. Kann da überhaupt noch jemand atmen? Der Geräuschpegel nimmt jetzt deutlich ab. Eine Stimme ruft mehrere Namen. Drei Männer klettern jetzt über die Schultern der anderen zur Mitte hin und bilden damit eine weitere Etage. Jetzt ruft einer „Silencio“ und dann noch mehr Namen. Es wird ganz still. Die Angesprochenen machen sich auf den Weg, um – man glaubt es kaum – über die Schultern der Untenstehenden und die Rücken der obenstehenden Dreiergruppe nach oben zu steigen und ihrerseits die nächste Etage aufzubauen. Jetzt sind die Frauen dran. Drahtig und zügig stellen sie sich auf die Schultern der Männer. Alle sind hochkonzentriert und halten Balance. Zuweilen wackelt der Turm ein wenig, aber er hält. In den Gesichtern steht Anspannung. Die Spitzen der Hemdkragen halten sie mit den Zähnen fest, damit die auf ihnen Stehenden nicht abrutschen, denn sobald die obere Etage ins Rutschen kommt, würde der Tum komplett zusammenfallen. Die Bauchbinden geben ihnen Rumpfstabilität und den Klettermaxen dient sie als eine Art Stufe. Wer klettert, steigt mit dem ersten Fuß in die Kniekehle des anderen. Der zweite Fuß sucht Halt in der Bauchbinde. Mit dem nächsten Schritt stehen sie im Idealfall auf der Schulter. Zum Schluss sind drei Kinder an der Reihe. Geschickt klettern sie mit ihren Helmen nach oben und wieselflink wieder hinunter. Zwei von ihnen bilden eine Brücke und das letzte klettert darüber hinweg. Damit gilt der Turm als vollständig aufgebaut. So schnell wie möglich wird er jetzt wieder abgebaut, um die Basis zu entlasten. Ich wage gar nicht auszurechnen, wie viel Gewicht die Männer ganz unten schultern und wie sie im Falle eines Einsturzes die Wucht des Aufpralls abmildern müssen.

Für mich ist das ein Meisterwerk an Gemeinschaftsleistung. Der Zusammenhalt im wörtlichen Sinne ist essentiell, damit das Gebäude nicht einstürzt. Diese Castells, wie die Menschentürme genannt werden, haben eine große Symbolkraft für die Katalanen, deren Ruf nach Unabhängigkeit von Spanien immer lauter wird. Prompt trete ich auch ins Fettnäpfchen, als ich mit einem der Castellers vom bevorstehenden Nationalfeiertag, dem 12. Oktober, spreche. Für die Katalanen ist es einfach nur freier Tag, der Rest Spaniens feiert den Tag, an dem Kolumbus Amerika entdeckte. Die Katalanen hingegen feiern den 11. September. Dies war im Jahre 1714 der letzte Tag ihrer Unabhängigkeit.

Castells werden meistens bei Straßenfesten gebaut. Oft treten dann verschiedene Gruppen gegeneinander an. An diesem Übungsabend jedoch kann ich aus geringer Entfernung und von einem oberen Stockwerk aus beobachten, wie so ein Castell konstruiert wird und wie viel Anstrengung und Konzentration es kostet.

Wir mir David, einer der Castellers erklärt, habe ich an diesem Abend nur kleinere Türme gesehen. Es gibt Konstruktionen mit bis zu achthundert Menschen. Die Basis nennt sich „Pinya“, darauf der „Tronc“ (Stamm) und obendrauf die Kuppel (Pom de Dalt). Auch die Basis ist kein wildes Durcheinander, sondern hat eine definierte Struktur. Es gibt festgelegte Ordnungen, die nach der Zahl der Menschen pro Etage und der Anzahl der Stockwerke benannt werden. Das höchste, was je erreicht wurde, waren sagenhafte zehn Etagen. Es kommt auch vor, dass Innentürme mit nur einer Person pro Etage gebaut werden. Unglaublich!

Ganz herzlichen Dank an David und die anderen Xics de Granollers, dass ich dabei sein und ein Stück katalanischer Kultur hautnah miterleben durfte.

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