Weltreise an einem Tag

März 2015

Es gibt kein Zurück

Nur zwei Armlängen trennen sie vom riesigen Rumpf des Schiffs, das sie gleich besteigen werden. Mit Sack und Pack stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, in den Gesichtern steht Zweifel geschrieben und Unsicherheit. Es ist dunkel, nur wenige Schlaglichter erhellen die Szene. Freiwillig sind sie nicht hier, die politische Situation ließ ihnen keine andere Wahl. Hafengeräusche und undeutliches Gemurmel liegen in der Luft. Was wird diese Reise ohne Rückfahrschein bringen?

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Nach einer kurzen Einführung über die Bedeutung Bremerhavens als Auswandererhafen lässt mich die Szene an der Kaimauer ahnen, was in den Menschen vorgegangen sein muss, die vermutlich für immer ihre Heimat verlassen mussten, für die das Reisen nicht mit Vorfreude, sondern mit Unsicherheit und vielleicht auch Existenzangst verbunden war. Ich befinde mich im zweiten Raum des Auswandererhauses Bremerhaven. An der Kasse habe ich eine Karte mit dem Namen einer Auswanderin bekommen. Es ist kein fiktiver Name, denn Hertha Nathorff gab es tatsächlich. Nachdem sie als jüdische Ärztin nicht mehr praktizieren durfte, wanderte sie 1939 nach New York aus.

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Der nächste Raum besteht nur aus Schubladen. Jede Schublade enthält ein Schicksal. Wenn ich die iCard gegen den Kontaktpunkt halte, erfahre mehr über Hertha und ihre Familie. Leider ist nicht bekannt, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse reiste. In den Unterkünften überquerte man den Atlantik entweder zusammengepfercht oder aber recht komfortabel mit dicht aufeinander folgenden Mahlzeiten.

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Ein schmaler Gang führt dann zur Einwanderungsbehörde auf Ellis Island. Herzklopfen begleitet mich dorthin. Wird Hertha die Einwanderungserlaubnis erhalten? Ja, sie bekommt die Erlaubnis, erfahre ich im nächsten Raum. Auch mir werden an einem Bildschirm die Fragen gestellt, deren Antwort über die Zukunft der Ankömmlinge entschieden.

Schnitt.

Die umgekehrte Situation: Wie fühlten sich die Gastarbeiter der sechziger und siebziger Jahre, die nach Deutschland kamen, um hier Geld für ihre Familien zu verdienen? Wie erging es Einwanderern aus anderen Ländern vor oder nach dieser Zeit? Ich wandele nun auf den Spuren von Jeanne Greber, einer Lothringerin, die im Laufe ihres Lebens entweder Deutsche oder Französin war, je nach den politischen Umständen. Da ich in Deutschland geboren bin, ist dieser Abschnitt der Ausstellung für mich eher eine Reise in die Vergangenheit. Einheitstelefone, ein Kiosk, Schaufensterauslagen von damals erinnern mich an meine Kindheit.

Die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland, das seine Rolle jetzt erst langsam erkennt und vor der es so lange die Augen verschlossen hat, ist eine schöne Ergänzung im Auswandererhaus. Der Schwerpunkt und eindeutig interessantere Teil ist jedoch die Geschichte der Auswanderer. Die einzelnen Räume sind mit den jeweils passenden Geräuschen beschallt, so dass ich mir leicht vorstellen kann, wie sich die Menschen fühlten.

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Wechselbäder auf acht Grad

Nur wenige Schritte und schwupp! bin ich wieder in der Jetzt-Zeit.
Ist da ein Ufo gelandet? Mit unzähligen kleinen blauen Lampen? Das nicht, aber buchstäblich eine Welt für sich ist das Klimahaus. Und wieder liegt eine Reise vor mir, dieses Mal entlang des achten Längengrades Ost, auf dem auch Bremerhaven liegt. Von dort aus umrunde ich die Welt und durchschreite alle Klimazonen auf einem Weg von etwa anderthalb Kilometern.

Erst einmal geht’s ins Gebirge, und zwar in die Schweiz. Wo die Kühe muhen und der Geruch einer sonnigen Bergwiese in der Luft liegt, erfahre ich, weshalb die Gletscher besser nicht abschmelzen sollten.

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In Sardinien komme ich mir ganz klein vor, wie eine Maus, die sich ihren Weg durch riesige Grashalme bahnt. Das nervige Bzzzzzz einer Mücke im Anflug auf meine Haut begleitet mich durch ganz Sardinien. Apropos Insekten: „Schmetterlingseffekt“ bedeutet, dass kleinste Abweichungen des Wetters an einem Ort zu verheerenden Konsequenzen an einer ganz anderen Stelle auf der Welt führen können. Wieder was gelernt.

Nächste Station: Niger. Es wird noch wärmer und viel trockener. Wer hätte gedacht, dass es in der Sahel-Zone einst grünte, bevor sich die Sahara immer weiter ausbreitete? In Kamerun ist es feucht-heiß, so wie ich es gern mag. Hier gehe ich durch den Regenwald – es fiept und piept und raschelt. Weil es so dunkel ist, springt sofort das Kopfkino an. Wann ist man schon mal nachts im Dschungel?

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Gerade noch schön warm, wird es in der Antarktis klirrend kalt. Kein Ort für mich. Nicht mal die Forschungsstation finde ich anheimelnd.

Dann lieber Samoa. Bunte Fische schwimmen an mir vorbei, eine Palmwedelhütte zeigt das Leben der Bewohner. Paradiesische Zustände, wenn da nur nicht der Klimawandel wäre, der vor allem die Unterwasserwelt bedroht.

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Alaska – schon wieder so eiskalt. Zu guter Letzt wird auf der Hallig Langeneß deutlich, welche fatalen Auswirkungen der Anstieg des Meeresspiegels hat. Ein Stückchen Land, das kaum mit der Nasenspitze aus dem Wasser ragt, wird bald ganz verschwinden, wenn die Polkappen und Gletscher weiter abschmelzen. Schon jetzt stehen die Häuser auf Erdaufschüttungen, den Warften, die bei Sturmfluten Schutz bieten.

 

Was für ein Tag! Mit einer Ärztin in die USA auswandern, in Rekordzeit eine Weltreise machen, am Abend auf die Straße treten und sich in einer norddeutschen Stadt wieder finden. Und das alles ohne lästige Wartezeiten, Flugverspätungen und anderen Unannehmlichkeiten. Das kommt dem Beamen schon recht nahe.

 

Mein Tipp

Für jedes Haus mindestens zwei Stunden einplanen, für das Klimahaus auch gern länger. In beiden Ausstellungen werden alle Sinne angesprochen, man taucht ganz und gar in die Situation ein – hervorragend aufbereitet und unbedingt einen Besuch wert.

Es gibt kein Zurück

Nur zwei Armlängen trennen sie vom riesigen Rumpf des Schiffs, das sie gleich besteigen werden. Mit Sack und Pack stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, in den Gesichtern steht Zweifel geschrieben und Unsicherheit. Es ist dunkel, nur wenige Schlaglichter erhellen die Szene. Freiwillig sind sie nicht hier, die politische Situation ließ ihnen keine andere Wahl. Hafengeräusche und undeutliches Gemurmel liegen in der Luft. Was wird diese Reise ohne Rückfahrschein bringen?

IMG_1279

Nach einer kurzen Einführung über die Bedeutung Bremerhavens als Auswandererhafen lässt mich die Szene an der Kaimauer ahnen, was in den Menschen vorgegangen sein muss, die vermutlich für immer ihre Heimat verlassen mussten, für die das Reisen nicht mit Vorfreude, sondern mit Unsicherheit und vielleicht auch Existenzangst verbunden war. Ich befinde mich im zweiten Raum des Auswandererhauses Bremerhaven. An der Kasse habe ich eine Karte mit dem Namen einer Auswanderin bekommen. Es ist kein fiktiver Name, denn Hertha Nathorff gab es tatsächlich. Nachdem sie als jüdische Ärztin nicht mehr praktizieren durfte, wanderte sie 1939 nach New York aus.

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Der nächste Raum besteht nur aus Schubladen. Jede Schublade enthält ein Schicksal. Wenn ich die iCard gegen den Kontaktpunkt halte, erfahre mehr über Hertha und ihre Familie. Leider ist nicht bekannt, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse reiste. In den Unterkünften überquerte man den Atlantik entweder zusammengepfercht oder aber recht komfortabel mit dicht aufeinander folgenden Mahlzeiten.

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Ein schmaler Gang führt dann zur Einwanderungsbehörde auf Ellis Island. Herzklopfen begleitet mich dorthin. Wird Hertha die Einwanderungserlaubnis erhalten? Ja, sie bekommt die Erlaubnis, erfahre ich im nächsten Raum. Auch mir werden an einem Bildschirm die Fragen gestellt, deren Antwort über die Zukunft der Ankömmlinge entschieden.

Schnitt.

Die umgekehrte Situation: Wie fühlten sich die Gastarbeiter der sechziger und siebziger Jahre, die nach Deutschland kamen, um hier Geld für ihre Familien zu verdienen? Wie erging es Einwanderern aus anderen Ländern vor oder nach dieser Zeit? Ich wandele nun auf den Spuren von Jeanne Greber, einer Lothringerin, die im Laufe ihres Lebens entweder Deutsche oder Französin war, je nach den politischen Umständen. Da ich in Deutschland geboren bin, ist dieser Abschnitt der Ausstellung für mich eher eine Reise in die Vergangenheit. Einheitstelefone, ein Kiosk, Schaufensterauslagen von damals erinnern mich an meine Kindheit.

Die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland, das seine Rolle jetzt erst langsam erkennt und vor der es so lange die Augen verschlossen hat, ist eine schöne Ergänzung im Auswandererhaus. Der Schwerpunkt und eindeutig interessantere Teil ist jedoch die Geschichte der Auswanderer. Die einzelnen Räume sind mit den jeweils passenden Geräuschen beschallt, so dass ich mir leicht vorstellen kann, wie sich die Menschen fühlten.

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Wechselbäder auf acht Grad

Nur wenige Schritte und schwupp! bin ich wieder in der Jetzt-Zeit.
Ist da ein Ufo gelandet? Mit unzähligen kleinen blauen Lampen? Das nicht, aber buchstäblich eine Welt für sich ist das Klimahaus. Und wieder liegt eine Reise vor mir, dieses Mal entlang des achten Längengrades Ost, auf dem auch Bremerhaven liegt. Von dort aus umrunde ich die Welt und durchschreite alle Klimazonen auf einem Weg von etwa anderthalb Kilometern.

Erst einmal geht’s ins Gebirge, und zwar in die Schweiz. Wo die Kühe muhen und der Geruch einer sonnigen Bergwiese in der Luft liegt, erfahre ich, weshalb die Gletscher besser nicht abschmelzen sollten.

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In Sardinien komme ich mir ganz klein vor, wie eine Maus, die sich ihren Weg durch riesige Grashalme bahnt. Das nervige Bzzzzzz einer Mücke im Anflug auf meine Haut begleitet mich durch ganz Sardinien. Apropos Insekten: „Schmetterlingseffekt“ bedeutet, dass kleinste Abweichungen des Wetters an einem Ort zu verheerenden Konsequenzen an einer ganz anderen Stelle auf der Welt führen können. Wieder was gelernt.

Nächste Station: Niger. Es wird noch wärmer und viel trockener. Wer hätte gedacht, dass es in der Sahel-Zone einst grünte, bevor sich die Sahara immer weiter ausbreitete? In Kamerun ist es feucht-heiß, so wie ich es gern mag. Hier gehe ich durch den Regenwald – es fiept und piept und raschelt. Weil es so dunkel ist, springt sofort das Kopfkino an. Wann ist man schon mal nachts im Dschungel?

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Gerade noch schön warm, wird es in der Antarktis klirrend kalt. Kein Ort für mich. Nicht mal die Forschungsstation finde ich anheimelnd.

Dann lieber Samoa. Bunte Fische schwimmen an mir vorbei, eine Palmwedelhütte zeigt das Leben der Bewohner. Paradiesische Zustände, wenn da nur nicht der Klimawandel wäre, der vor allem die Unterwasserwelt bedroht.

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Alaska – schon wieder so eiskalt. Zu guter Letzt wird auf der Hallig Langeneß deutlich, welche fatalen Auswirkungen der Anstieg des Meeresspiegels hat. Ein Stückchen Land, das kaum mit der Nasenspitze aus dem Wasser ragt, wird bald ganz verschwinden, wenn die Polkappen und Gletscher weiter abschmelzen. Schon jetzt stehen die Häuser auf Erdaufschüttungen, den Warften, die bei Sturmfluten Schutz bieten.

 

Was für ein Tag! Mit einer Ärztin in die USA auswandern, in Rekordzeit eine Weltreise machen, am Abend auf die Straße treten und sich in einer norddeutschen Stadt wieder finden. Und das alles ohne lästige Wartezeiten, Flugverspätungen und anderen Unannehmlichkeiten. Das kommt dem Beamen schon recht nahe.

 

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