Regenbogenland Südafrika

Januar 2012

 

 

IMG_6830

IMG_6836

IMG_6829

9 .1.12
Kapstadt hat mich mit offenen Armen empfangen. Lily, Besitzerin des B&B, braucht nur ein einziges Stichwort und steht schon mit Rat und Tat zur Seite, gleichgültig, ob es sich um einen Adapter, Restaurantempfehlungen oder Taxidienste handelt. Als Vegetarier hat man es nicht so leicht hier, aber Lily bringt es fertig, ein Menü per Telefon zusammenzustellen. Als ich im Restaurant ankomme, weiß die komplette Belegschaft schon Bescheid. Klar, dass nach Einbruch der Dunkelheit ein Taxi geordert wird, auch wenn es nur ein kurzer Fußmarsch von fünf Minuten ist. Sicher ist sicher. „No rush“ ist hier die Devise, wobei mir das Sprichwort „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ in den Sinn kommt. Etwas gewöhnungsbedürftig für eher hektische Deutsche, aber ich schätze, ich werde in den nächsten Tagen auch einen Gang herunterschalten.

IMG_6872IMG_6880

 

B&B: Cape Victoria Guesthouse
Restaurant: The Hussar

 

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: den Äquator überquert. In den nächsten Tagen steht die Sonne  mittags im Norden.

 

10.1.12
Der Weg nach Montagu ist alles andere als eintönig: karge rote Erde grenzt unmittelbar an sattgrüne Weinreben; Oleanderbüsche auf dem Mittelstreifen erinnern mich an Spanien und immer wieder Bougainvillea am Straßenrand als grell leuchtende Farbtupfer, die willkürlich in die Landschaft geworfen wurden. Weites Land wechselt sich ab mit alpenähnlichen Gebieten.
Aber auch eher verschlafene Orte können spannend sein. Direkt vor mir biegt ein Laster aus einer Nebenstraße ein, auf dessen Ladefläche ganz hinten rechts ein junger Mann steht und die Ladung sichert – denke ich jedenfalls. Nachdem was ich in Indien gesehen hatte, scheint mir dies die plausibelste Erklärung. Einige hundert Meter beginnt er jedoch plötzlich den Abstieg Richtung Straße. Der Lkw fährt langsam in einen Kreisel ein, er springt vollends ab und mir wird klar, dass ich mit dieser filmreifen Szene gerade eine Methode kennen gelernt habe, wie man kostenlos von A nach B kommt.

Das Zimmer entspricht ein bisschen meinen Klischeevorstellungen von Afrika – wieder ein Treffer. Und eine Wagenwäsche gibt es gratis dazu.

IMG_6632B&B: Montagu Vines

 

 

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: Linksverkehr erfahren – im wahrsten Sinne des Wortes. Und es hat gar nicht weh getan, weder mir noch anderen Verkehrsteilnehmern – bis jetzt jedenfalls. Aber das Radio lasse ich lieber noch aus.

IMG_6636

IMG_663711.1.12
Das Auto und ich sind Freunde geworden. Ich habe ihm versprochen, nicht mehr die Scheibenwischer anzuschalten, wenn ich eigentlich blinken will.
Bunt war gestern. Die Halbwüste Little Karoo bietet nur gelegentlich Grünes, die Vegetation hüllt sich in kniehohe gelbbraune und graubraune Fynbos-Sträucher. Hier ein paar Agaven und dort einige Aloe-Pflanzen, aber die künstlich bewässerten Weinbaugebiete habe ich seit Montagu hinter mir gelassen.  Nichtsdestoweniger fasziniert mich die weite, hügelige Landschaft. Weit außerhalb der wenigen Orte gehen Menschen am Straßenrand, oft mit Kindern. Mittlerweile sind es über 30 Grad im Schatten … aber es gibt keinen Schatten.
In Oudtshoorn schließlich steht die Temperaturanzeige auf 37 Grad. Muss ich jetzt wirklich aussteigen? Meine neue Unterkunft macht von außen einen ansprechenden Eindruck, also überwinde ich mich. Hier ist man auf Hitze eingestellt – die Klimaanlage in meinem Zimmer läuft schon.  Auch werde ich wieder sehr herzlich empfangen.

IMG_0053Die Stadt war Anfang des 20. Jahrhundert das Zentrum der Straußenfedern. Die Nachfrage brach dann dramatisch ein. Strauße werden heute immer noch gezüchtet, aber hauptsächlich wegen des cholesterinarmen Fleisches. Das Leder ist dabei eher ein Nebenprodukt. Weil es ganz wenige Verrückte – eigentlich nur eine – gibt, die bei diesen Temperaturen eine Straußenfarm besichtigen möchten, bekomme ich eine exklusive Führung. Die Jungen brauchen mehrere Tage, um zu schlüpfen, weil die Eier so hart sind.  Man kann sich ganz locker darauf stellen, sie sollen 150 kg aushalten.
IMG_6643Weihnachtsdekoration und -beleuchtung habe ich bisher mit einer Tanne sowie Dunkelheit und Kälte in Verbindung gebracht. Dass es auch anders geht, sehe ich hier. Da saust der Rentierschlitten in der grellen Sommersonne über die Straße und die Weihnachtskugeln stecken auf den Spitzen der Agaven und hängen in Vorgartenbäumen.

IMG_0060B&B: 88 Baron van Reede
Restaurant: Jemima’s
Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: ein Straußenküken auf dem Arm gehalten. Ganz kuschelig war das.

12.1.12
Von 37 auf 24 Grad in nur wenigen Minuten – so schnell habe ich noch die Klimazonen gewechselt. Eben noch abwechselnd leuchtend rote Erde, gelbbraunes Gestrüpp und eine erbarmungslos brennende Sonne und hinter dem Gipfel wieder grüne Mittelmeervegetation, bewölkter Himmel angenehme Temperaturen.
Mich erwartet die luxuriöseste Unterkunft, die ich hier bisher hatte – mit Blick auf die Lagune.

B&B: Candlewood Lodge

 

 

 

IMG_6735

IMG_6731

IMG_674414.1.12
Swellendam macht einen ziemlich sauberen und aufgeräumten Eindruck. Am Samstag Nachmittag spielt man hier offensichtlich Jukskei. Es ähnelt Boule, aber statt mit Kugeln wirft man mit Holzstäben und die Regeln sind etwas anders. Vorwiegend vergnügt sich die Generation 60+ damit. Ich würde gern mehr darüber erfahren, aber hier spricht man Afrikaans und hat wohl keine Lust, mir auf Englisch zu antworten. Es ist die drittälteste Stadt Südafrikas nach Kapstadt und Stellenbosch. Und Swellendam ist wegen Reichtum geschlossen. Touristenbüro und Museum machen um 15 Uhr dicht. Viele Restaurants sind nachmittags oder gar ganztägig geschlossen. Geschäfte – ebenfalls Fehlanzeige. Entweder spielt man hier Jukskei   oder schläft. Wenigstens kann ich mich mit Henk, Gastgeber meiner Unterkunft, stundenlang unterhalten. Vor einigen Jahren wollten ein paar Rührige ein Festival planen,  um den Tourismus anzukurbeln. Es sollte an einem durch einen Feiertag verlängertem Wochenende stattfinden. Der Pfarrer beschied dann aber, dass dies nicht möglich sei, da man ja am Sonntag in die Kirche gehen solle. Ein Festival als Konkurrenzveranstaltung für den sonntäglichen Gottesdienst, ja wo kommen wir denn da hin?

B&B: Augusta de Mist
Restaurant: Field & Fork, 26 Swellengrebel Street (keine Website)

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: mich schlecht gefühlt, weil ich gut verhandelt habe. Auf einem Kunsthandwerkermarkt in Sedgefield ist mir das passiert. Ich wollte schon zurückfahren, um dem Mann mehr Geld zu geben, aber es war schon sehr spät. Ich mach’s an anderer Stelle wieder gut. Ganz bestimmt.

IMG_0075

IMG_6770

IMG_6778

IMG_680116.1.12
Südlich der Innenstadt, direkt am Atlantik, haben sich diejenigen niedergelassen, die es „geschafft“ haben. Jogger am Strand und deutlich sichtbar gehobener Lebensstil im Gegensatz zur anderen Seite des Tafelbergs, wo die Wellblechhütten stehen. Aber nicht nur dort. Nur einmal nehme ich in einem Kreisel eine falsche Abfahrt und schon fahre ich mitten durch das Township von Hout Bay. Die Blicke, die mich hier treffen, geben mir eindeutig zu verstehen, dass ich hier fehl am Platz bin. Nach der berühmten Küstenstraße Chapman’s Peak Drive statte ich den Frackträgern am Strand von Simon’s Town einen Besuch ab. Die stehen allerdings so gelangweilt im Sand herum, dass sich ein Video nicht lohnt.
An sich bin ich kein Freund von Beweisfotos, aber am Kap der Guten Hoffnung mache ich mal eine Ausnahme und drücke einer englischen Touristin meine Kamera in die Hand. Und zum hundertsten Mal kommt die Frage „Are you on  your own?“ Ja, ich reise allein. Aber keine Angst, es ist nicht ansteckend.
Viel mehr als bei jeder Stadtrundfahrt erfährt man von den Einheimischen, vor allem von solchen, die auch gleichzeitig Freunde sind.  Unweigerlich kommen wir auf das Thema Kriminalität. Es ist nun mal Realität hier, dass die Einkommensunterschiede in Südafrika sehr groß sind. Deshalb bewegt man sich nach Einbruch der Dunkelheit nur mit dem Auto. Wenn man mit dieser Realität aufwächst, denkt man  erst gar nicht darüber nach, sich zu Fuß auf den Weg zu machen, nicht mal zwei Straßen weiter.
Apropos Einkommensunterschiede: eine Grundschullehrerin erzählt, dass sie manchmal Bücher im Unterricht nicht einsetzen kann, weil ihr nicht alle Schüler das Geld dafür geben. Auch dies ist wieder ein Teil in meinem Puzzle dieses Landes mit seinen Problemen, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen.
Auf der Fahrt zu meinem Guest House machen wir einen kleinen Abstecher, um auf Signal Hill die Aussicht  zu genießen. Was für ein Anblick! Soweit das Auge reicht, blinkt das Lichtermeer von Kapstadt. Und über mir das Kreuz des Südens. Das sind die Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst.

B&B: Cape Victoria Guesthouse

IMG_6823

IMG_682417.1.2012
District Six war ein Stadtteil Kapstadts, der mit dem Bulldozer platt gemacht wurde. Die dort lebende Bevölkerung, die „non-whites“ in der Sprache der Apartheid wurde zwangsumgesiedelt. Die in der Innenstadt lebenden „whites“ befürchteten politische und kriminelle Übergriffe und erklärten District Six kurzerhand als „for whites only“. Das District Six Museum ist auf engstem Raum genauso bunt zusammengewürfelt wie die Leute, die dort wohnten, ein absoluter Kontrast zur schicken, klimatisierten South African National Gallery.
Die Hitze des Nachmittags lässt mich zur V&A Waterfront flüchten. Hier lernt man nichts über Kapstadt, denn das ganze Gelände ist Vergnügungsort für Touristen. Immerhin kühlt die riesige Shopping Mall den Körper auf akzeptable Temperaturen herunter. Wenn man nicht aufpasst, läuft allerdings die Kreditkarte heiß.

IMG_6848

IMG_6850

IMG_6856

IMG_687318.1.12
Robben Island liegt 11 Kilometer vor Kapstadt und war eine Gefängnisinsel. Nelson Mandela hat hier 27  Jahre seines Lebens verbracht. Etwa 300 Menschen leben hier und kümmern sich um den Erhalt dieses historischen Ortes. Wirklich beeindruckend ist, dass die Besucher von ehemaligen politischen Gefangenen herumgeführt werden. Hier bekommt man Informationen aus erster Hand. Sparks hatte eine siebenjährige Haftstrafe verbüßt, weil er als Mitglied des ANC  weitere Anhänger geworben hatte. Politische Gefangene und „normale“ Kriminelle wurden streng getrennt, um die Verbreitung unerwünschter politischer Ideen zu vermeiden. In einer Gemeinschaftszelle schliefen 60 Menschen auf Matten auf dem Boden. Sie durften sich nur drei Mal in der Woche waschen, nämlich montags, mittwochs und samstags. Immerhin trugen politische Gefangene asiatischer Herkunft und Coloureds noch Jacken, langärmlige Hemden, Hosen mit langen Beinen sowie Socken und Schuhe wohingegen Schwarze nur kurze Hosen und kurzärmlige Hemden bekamen, wohlgemerkt sommers wie winters. Mandela war 18 Jahre lang in einer nur 2,5 Quadratmeter großen Einzelzelle eingesperrt. Es ist mir ein Rätsel, wie ein Mensch so etwas aushalten kann, ohne daran zu zerbrechen. Sein Buch „The Long Way to Freedom“ hatte er heimlich geschrieben und versteckt. Bevor es gefunden wurde, konnte jedoch ein Mitgefangener, der entlassen wurde, eine Kopie davon aus dem Gefängnis schmuggeln.

Restaurant: La Mouette
Sehr aufmerksamer und freundlicher Service. Hier kann man sich verwöhnen lassen.

IMG_6838

IMG_6841

IMG_684220.1.12
Inzwischen bewege ich mich ziemlich sicher hier und kann schon von einigen Punkten aus beurteilen, ob mich die Taxifahrer nur ein bisschen oder ein bisschen mehr übers Ohr hauen. Absolut zu empfehlen sind Excite Cars. Dort ist kein Taxameter „kaputt“ und die Fahrer kennen nicht nur den kürzesten Weg, sondern sie nehmen ihn auch.
Auf dem Greenmarket Square treffe ich leider die kleine Gloria nicht mehr, die es sich unter den Auslagen des Marktstandes ihrer Mutter bequem gemacht hatte. Die Mutter sagte, es sei heute zu heiß für sie. Also drücke ich ihr die Bonbons in die Hand, die ich eigentlich ihrer Tochter mitgebracht hatte.
Ein letzter Gang in der Mittagshitze auf Long Street’s Schattenseite. Morgen bin ich wieder im Winter.

IMG_0114IMG_0116

 

Restaurant: Hemelhuijs

 

 

IMG_6874

Was ich gern noch gemacht hätte:
Ein Zebra gestreichelt. Nein, nicht die bedauernswerte, platte Kreatur im Souvenirladen, sondern ein lebendiges, freies – oder wenigstens fast freies.
Die Xhosa-Klicklaute gelernt. Xhosa ist eine der elf Sprachen, die in Südafrika gesprochen werden.

Südafrika – was für ein Land! Wüste neben Weinanbau, herrschaftliche viktorianische Häuser und rustikaler kapholländischer Stil, modernes Design und Townships. Aber das Wichtigste sind die freundlichen, hilfsbereiten und entspannten Menschen. Ein einziger Besuch reicht bei weitem nicht aus, um dieses vielfältige Land kennenzulernen. Aber der nächste Winter in Deutschland kommt bestimmt …

 

 

 

IMG_6830

IMG_6836

IMG_6829

9 .1.12
Kapstadt hat mich mit offenen Armen empfangen. Lily, Besitzerin des B&B, braucht nur ein einziges Stichwort und steht schon mit Rat und Tat zur Seite, gleichgültig, ob es sich um einen Adapter, Restaurantempfehlungen oder Taxidienste handelt. Als Vegetarier hat man es nicht so leicht hier, aber Lily bringt es fertig, ein Menü per Telefon zusammenzustellen. Als ich im Restaurant ankomme, weiß die komplette Belegschaft schon Bescheid. Klar, dass nach Einbruch der Dunkelheit ein Taxi geordert wird, auch wenn es nur ein kurzer Fußmarsch von fünf Minuten ist. Sicher ist sicher. „No rush“ ist hier die Devise, wobei mir das Sprichwort „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ in den Sinn kommt. Etwas gewöhnungsbedürftig für eher hektische Deutsche, aber ich schätze, ich werde in den nächsten Tagen auch einen Gang herunterschalten.

IMG_6872IMG_6880

 

B&B: Cape Victoria Guesthouse
Restaurant: The Hussar

 

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: den Äquator überquert. In den nächsten Tagen steht die Sonne  mittags im Norden.

 

10.1.12
Der Weg nach Montagu ist alles andere als eintönig: karge rote Erde grenzt unmittelbar an sattgrüne Weinreben; Oleanderbüsche auf dem Mittelstreifen erinnern mich an Spanien und immer wieder Bougainvillea am Straßenrand als grell leuchtende Farbtupfer, die willkürlich in die Landschaft geworfen wurden. Weites Land wechselt sich ab mit alpenähnlichen Gebieten.
Aber auch eher verschlafene Orte können spannend sein. Direkt vor mir biegt ein Laster aus einer Nebenstraße ein, auf dessen Ladefläche ganz hinten rechts ein junger Mann steht und die Ladung sichert – denke ich jedenfalls. Nachdem was ich in Indien gesehen hatte, scheint mir dies die plausibelste Erklärung. Einige hundert Meter beginnt er jedoch plötzlich den Abstieg Richtung Straße. Der Lkw fährt langsam in einen Kreisel ein, er springt vollends ab und mir wird klar, dass ich mit dieser filmreifen Szene gerade eine Methode kennen gelernt habe, wie man kostenlos von A nach B kommt.

Das Zimmer entspricht ein bisschen meinen Klischeevorstellungen von Afrika – wieder ein Treffer. Und eine Wagenwäsche gibt es gratis dazu.

IMG_6632B&B: Montagu Vines

 

 

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: Linksverkehr erfahren – im wahrsten Sinne des Wortes. Und es hat gar nicht weh getan, weder mir noch anderen Verkehrsteilnehmern – bis jetzt jedenfalls. Aber das Radio lasse ich lieber noch aus.

IMG_6636

IMG_663711.1.12
Das Auto und ich sind Freunde geworden. Ich habe ihm versprochen, nicht mehr die Scheibenwischer anzuschalten, wenn ich eigentlich blinken will.
Bunt war gestern. Die Halbwüste Little Karoo bietet nur gelegentlich Grünes, die Vegetation hüllt sich in kniehohe gelbbraune und graubraune Fynbos-Sträucher. Hier ein paar Agaven und dort einige Aloe-Pflanzen, aber die künstlich bewässerten Weinbaugebiete habe ich seit Montagu hinter mir gelassen.  Nichtsdestoweniger fasziniert mich die weite, hügelige Landschaft. Weit außerhalb der wenigen Orte gehen Menschen am Straßenrand, oft mit Kindern. Mittlerweile sind es über 30 Grad im Schatten … aber es gibt keinen Schatten.
In Oudtshoorn schließlich steht die Temperaturanzeige auf 37 Grad. Muss ich jetzt wirklich aussteigen? Meine neue Unterkunft macht von außen einen ansprechenden Eindruck, also überwinde ich mich. Hier ist man auf Hitze eingestellt – die Klimaanlage in meinem Zimmer läuft schon.  Auch werde ich wieder sehr herzlich empfangen.

IMG_0053Die Stadt war Anfang des 20. Jahrhundert das Zentrum der Straußenfedern. Die Nachfrage brach dann dramatisch ein. Strauße werden heute immer noch gezüchtet, aber hauptsächlich wegen des cholesterinarmen Fleisches. Das Leder ist dabei eher ein Nebenprodukt. Weil es ganz wenige Verrückte – eigentlich nur eine – gibt, die bei diesen Temperaturen eine Straußenfarm besichtigen möchten, bekomme ich eine exklusive Führung. Die Jungen brauchen mehrere Tage, um zu schlüpfen, weil die Eier so hart sind.  Man kann sich ganz locker darauf stellen, sie sollen 150 kg aushalten.
IMG_6643Weihnachtsdekoration und -beleuchtung habe ich bisher mit einer Tanne sowie Dunkelheit und Kälte in Verbindung gebracht. Dass es auch anders geht, sehe ich hier. Da saust der Rentierschlitten in der grellen Sommersonne über die Straße und die Weihnachtskugeln stecken auf den Spitzen der Agaven und hängen in Vorgartenbäumen.

IMG_0060B&B: 88 Baron van Reede
Restaurant: Jemima’s
Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: ein Straußenküken auf dem Arm gehalten. Ganz kuschelig war das.

12.1.12
Von 37 auf 24 Grad in nur wenigen Minuten – so schnell habe ich noch die Klimazonen gewechselt. Eben noch abwechselnd leuchtend rote Erde, gelbbraunes Gestrüpp und eine erbarmungslos brennende Sonne und hinter dem Gipfel wieder grüne Mittelmeervegetation, bewölkter Himmel angenehme Temperaturen.
Mich erwartet die luxuriöseste Unterkunft, die ich hier bisher hatte – mit Blick auf die Lagune.

B&B: Candlewood Lodge

 

 

 

IMG_6735

IMG_6731

IMG_674414.1.12
Swellendam macht einen ziemlich sauberen und aufgeräumten Eindruck. Am Samstag Nachmittag spielt man hier offensichtlich Jukskei. Es ähnelt Boule, aber statt mit Kugeln wirft man mit Holzstäben und die Regeln sind etwas anders. Vorwiegend vergnügt sich die Generation 60+ damit. Ich würde gern mehr darüber erfahren, aber hier spricht man Afrikaans und hat wohl keine Lust, mir auf Englisch zu antworten. Es ist die drittälteste Stadt Südafrikas nach Kapstadt und Stellenbosch. Und Swellendam ist wegen Reichtum geschlossen. Touristenbüro und Museum machen um 15 Uhr dicht. Viele Restaurants sind nachmittags oder gar ganztägig geschlossen. Geschäfte – ebenfalls Fehlanzeige. Entweder spielt man hier Jukskei   oder schläft. Wenigstens kann ich mich mit Henk, Gastgeber meiner Unterkunft, stundenlang unterhalten. Vor einigen Jahren wollten ein paar Rührige ein Festival planen,  um den Tourismus anzukurbeln. Es sollte an einem durch einen Feiertag verlängertem Wochenende stattfinden. Der Pfarrer beschied dann aber, dass dies nicht möglich sei, da man ja am Sonntag in die Kirche gehen solle. Ein Festival als Konkurrenzveranstaltung für den sonntäglichen Gottesdienst, ja wo kommen wir denn da hin?

B&B: Augusta de Mist
Restaurant: Field & Fork, 26 Swellengrebel Street (keine Website)

Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: mich schlecht gefühlt, weil ich gut verhandelt habe. Auf einem Kunsthandwerkermarkt in Sedgefield ist mir das passiert. Ich wollte schon zurückfahren, um dem Mann mehr Geld zu geben, aber es war schon sehr spät. Ich mach’s an anderer Stelle wieder gut. Ganz bestimmt.

IMG_0075

IMG_6770

IMG_6778

IMG_680116.1.12
Südlich der Innenstadt, direkt am Atlantik, haben sich diejenigen niedergelassen, die es „geschafft“ haben. Jogger am Strand und deutlich sichtbar gehobener Lebensstil im Gegensatz zur anderen Seite des Tafelbergs, wo die Wellblechhütten stehen. Aber nicht nur dort. Nur einmal nehme ich in einem Kreisel eine falsche Abfahrt und schon fahre ich mitten durch das Township von Hout Bay. Die Blicke, die mich hier treffen, geben mir eindeutig zu verstehen, dass ich hier fehl am Platz bin. Nach der berühmten Küstenstraße Chapman’s Peak Drive statte ich den Frackträgern am Strand von Simon’s Town einen Besuch ab. Die stehen allerdings so gelangweilt im Sand herum, dass sich ein Video nicht lohnt.
An sich bin ich kein Freund von Beweisfotos, aber am Kap der Guten Hoffnung mache ich mal eine Ausnahme und drücke einer englischen Touristin meine Kamera in die Hand. Und zum hundertsten Mal kommt die Frage „Are you on  your own?“ Ja, ich reise allein. Aber keine Angst, es ist nicht ansteckend.
Viel mehr als bei jeder Stadtrundfahrt erfährt man von den Einheimischen, vor allem von solchen, die auch gleichzeitig Freunde sind.  Unweigerlich kommen wir auf das Thema Kriminalität. Es ist nun mal Realität hier, dass die Einkommensunterschiede in Südafrika sehr groß sind. Deshalb bewegt man sich nach Einbruch der Dunkelheit nur mit dem Auto. Wenn man mit dieser Realität aufwächst, denkt man  erst gar nicht darüber nach, sich zu Fuß auf den Weg zu machen, nicht mal zwei Straßen weiter.
Apropos Einkommensunterschiede: eine Grundschullehrerin erzählt, dass sie manchmal Bücher im Unterricht nicht einsetzen kann, weil ihr nicht alle Schüler das Geld dafür geben. Auch dies ist wieder ein Teil in meinem Puzzle dieses Landes mit seinen Problemen, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen.
Auf der Fahrt zu meinem Guest House machen wir einen kleinen Abstecher, um auf Signal Hill die Aussicht  zu genießen. Was für ein Anblick! Soweit das Auge reicht, blinkt das Lichtermeer von Kapstadt. Und über mir das Kreuz des Südens. Das sind die Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst.

B&B: Cape Victoria Guesthouse

IMG_6823

IMG_682417.1.2012
District Six war ein Stadtteil Kapstadts, der mit dem Bulldozer platt gemacht wurde. Die dort lebende Bevölkerung, die „non-whites“ in der Sprache der Apartheid wurde zwangsumgesiedelt. Die in der Innenstadt lebenden „whites“ befürchteten politische und kriminelle Übergriffe und erklärten District Six kurzerhand als „for whites only“. Das District Six Museum ist auf engstem Raum genauso bunt zusammengewürfelt wie die Leute, die dort wohnten, ein absoluter Kontrast zur schicken, klimatisierten South African National Gallery.
Die Hitze des Nachmittags lässt mich zur V&A Waterfront flüchten. Hier lernt man nichts über Kapstadt, denn das ganze Gelände ist Vergnügungsort für Touristen. Immerhin kühlt die riesige Shopping Mall den Körper auf akzeptable Temperaturen herunter. Wenn man nicht aufpasst, läuft allerdings die Kreditkarte heiß.

IMG_6848

IMG_6850

IMG_6856

IMG_687318.1.12
Robben Island liegt 11 Kilometer vor Kapstadt und war eine Gefängnisinsel. Nelson Mandela hat hier 27  Jahre seines Lebens verbracht. Etwa 300 Menschen leben hier und kümmern sich um den Erhalt dieses historischen Ortes. Wirklich beeindruckend ist, dass die Besucher von ehemaligen politischen Gefangenen herumgeführt werden. Hier bekommt man Informationen aus erster Hand. Sparks hatte eine siebenjährige Haftstrafe verbüßt, weil er als Mitglied des ANC  weitere Anhänger geworben hatte. Politische Gefangene und „normale“ Kriminelle wurden streng getrennt, um die Verbreitung unerwünschter politischer Ideen zu vermeiden. In einer Gemeinschaftszelle schliefen 60 Menschen auf Matten auf dem Boden. Sie durften sich nur drei Mal in der Woche waschen, nämlich montags, mittwochs und samstags. Immerhin trugen politische Gefangene asiatischer Herkunft und Coloureds noch Jacken, langärmlige Hemden, Hosen mit langen Beinen sowie Socken und Schuhe wohingegen Schwarze nur kurze Hosen und kurzärmlige Hemden bekamen, wohlgemerkt sommers wie winters. Mandela war 18 Jahre lang in einer nur 2,5 Quadratmeter großen Einzelzelle eingesperrt. Es ist mir ein Rätsel, wie ein Mensch so etwas aushalten kann, ohne daran zu zerbrechen. Sein Buch „The Long Way to Freedom“ hatte er heimlich geschrieben und versteckt. Bevor es gefunden wurde, konnte jedoch ein Mitgefangener, der entlassen wurde, eine Kopie davon aus dem Gefängnis schmuggeln.

Restaurant: La Mouette
Sehr aufmerksamer und freundlicher Service. Hier kann man sich verwöhnen lassen.

IMG_6838

IMG_6841

IMG_684220.1.12
Inzwischen bewege ich mich ziemlich sicher hier und kann schon von einigen Punkten aus beurteilen, ob mich die Taxifahrer nur ein bisschen oder ein bisschen mehr übers Ohr hauen. Absolut zu empfehlen sind Excite Cars. Dort ist kein Taxameter „kaputt“ und die Fahrer kennen nicht nur den kürzesten Weg, sondern sie nehmen ihn auch.
Auf dem Greenmarket Square treffe ich leider die kleine Gloria nicht mehr, die es sich unter den Auslagen des Marktstandes ihrer Mutter bequem gemacht hatte. Die Mutter sagte, es sei heute zu heiß für sie. Also drücke ich ihr die Bonbons in die Hand, die ich eigentlich ihrer Tochter mitgebracht hatte.
Ein letzter Gang in der Mittagshitze auf Long Street’s Schattenseite. Morgen bin ich wieder im Winter.

IMG_0114IMG_0116

 

Restaurant: Hemelhuijs

 

 

IMG_6874

Was ich gern noch gemacht hätte:
Ein Zebra gestreichelt. Nein, nicht die bedauernswerte, platte Kreatur im Souvenirladen, sondern ein lebendiges, freies – oder wenigstens fast freies.
Die Xhosa-Klicklaute gelernt. Xhosa ist eine der elf Sprachen, die in Südafrika gesprochen werden.

Südafrika – was für ein Land! Wüste neben Weinanbau, herrschaftliche viktorianische Häuser und rustikaler kapholländischer Stil, modernes Design und Townships. Aber das Wichtigste sind die freundlichen, hilfsbereiten und entspannten Menschen. Ein einziger Besuch reicht bei weitem nicht aus, um dieses vielfältige Land kennenzulernen. Aber der nächste Winter in Deutschland kommt bestimmt …

 

4 Kommentare

  1. Kommentar von Mario

    Mario Januar 2012 at 20:34

    Hey Monika, du bist schneller unterwegs, als ich auf der Karte Dich „verfolgen“ kann. Deine Berichte werden richtig real in meinen Vorstellungen. Ich hoffe du hast ein Bild von Dir mit dem Straußenküken. Bin gespannt auf die Fortsetzung.
    Mario

  2. Kommentar von Ela

    Ela Januar 2012 at 19:00

    Hey Moni, liebe Grüße aus dem grautrüben, kalten Deutschland! Deine Berichte sind wie immer sehr lebhaft und ich habe das Gefühl, dabei zu sein. Trotzdem hoffe ich auf viele Fotos! Weiterhin viele eindrucksvolle Erlebnisse! Ela

  3. Kommentar von Mario

    Mario Januar 2012 at 12:34

    Hey Monika, mit Deinen letzten Berichten aus Swellendam und Kapstadt läuft Du wieder zu Höchstleistungen auf. Deine Berichte sind so lebendig und lesen sich wie ein Reiseroman.
    Das mit Deinem Verhandlungsgeschick habe ich erst durch den Bericht erfahren.
    Bin gespannt auf die Fortsetzung hierzu.
    Mario

  4. Kommentar von Ela

    Ela Januar 2012 at 16:23

    Liebe Moni, danke für deine anschaulichen Berichte. Sie vermitteln mir das Gefühl, hautnah dabei zu sein. Ich freue mich schon auf die nächsten Fotos und Erlebnisse. P.S. Warum machst du das eigentlich nicht hauptberuflich? Ela

Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top